“Andere sind fort, wenn sie fort sind; wenn alles fort ist, bist nur du mir nah.” – Oktay Rifat
Nackte Körper, stille Landschaften und die Nähe der Sehnsucht.
Diese Unterserie entstand in einer Zeit der erzwungenen Distanz – nicht als Dokument der Isolation, sondern als Rückkehr zu Bildern, die über viele Jahre hinweg entstanden waren und plötzlich eine andere Sprache sprachen. Als sich die Welt in ihre vier Wände zurückzog, wurden diese Fotografien von Körpern an leeren Küsten, zwischen kahlen Ästen und vom Meer umspülten Felsen zu einer Meditation darüber, was uns nahe bleibt, wenn sich alles andere zurückzieht.
Die Bildsprache knüpft an eine lange Tradition der einsamen Figur in der Landschaft an. Caspar David Friedrichs Rückenfigur– die von hinten gesehene Figur, die sich der Unermesslichkeit der Natur gegenübersieht – findet hier ihr Echo. Aber während Friedrichs Wanderer aufrecht vor Bergen und Nebel stehen und das Erhabene betrachten, falten sich diese Körper an die Küste, rollen sich auf Felsen zusammen, versinken im seichten Wasser. Sie stellen sich der Natur nicht entgegen, sondern geben sich ihr hin. Das romantische Erhabene weicht etwas Elementarerem: nicht Ehrfurcht, sondern Versunkenheit.
Bill Brandts Küstenakte aus den 1950er Jahren, aufgenommen an den felsigen Stränden der Normandie und Sussex, bieten einen weiteren Bezugspunkt. Brandt verwandelte Körper in Landformen – Hüften wurden zu Felsbrocken, Wirbelsäulen zu Klippen. Diese Serie teilt den Instinkt, die Grenze zwischen Fleisch und Stein aufzulösen, aber der Ton ist ein anderer. Während Brandts Bilder eine monumentale, fast surrealistische Fremdartigkeit ausstrahlen, bleiben diese Fotografien intim, zärtlich und von einer besonderen Melancholie der Distanz durchdrungen.
Die Bilder sind in kontrastreichem Schwarz-Weiß mit weichen Vignetten gerendert, die an analogen Film erinnern – die Ränder werden dunkler, als würde die Erinnerung selbst an den Rändern verblassen. Diese technische Entscheidung ist keine Nostalgie, sondern Absicht: Die Vignette lenkt den Blick nach innen, auf die Figur, während die Welt in den Hintergrund tritt. Die Figuren wirken klein vor dem Meer, balancieren auf Steinen und sind halb in Gezeitentümpeln versunken. Sie dominieren die Landschaft nicht, sondern gehören zu ihr. Hier geht es nicht um den Körper als Subjekt, sondern um den Körper als Element: so präsent und still wie Felsen, Wasser und Wind.
Der Titel stammt vom türkischen Dichter Oktay Rifat, dessen Zeilen das Paradoxon im Kern des Werks einfangen: dass Abwesenheit die Präsenz schärfen kann, dass Distanz das Naheliegende verdeutlichen kann. Diese Fotografien trauern nicht um Isolation – sie spüren der stillen Nähe nach, die darunter fortbesteht. Im Raum zwischen Körper und Meer bleibt etwas zurück, das sich nicht zurückziehen lässt.
































