Antemortem
Antemortem
Der Körper vor der Stille
Ein Körper, gefangen zwischen Erinnerung und Auslöschung. Antemortem spürt dem sanften Rest des Lebens nach, bevor es in die Stille entgleitet.
Das Lateinische antemortem bedeutet “vor dem Tod” – ein klinischer Begriff, der in der Gerichtsmedizin verwendet wird, um Verletzungen, die Lebenden zugefügt wurden, von denen zu unterscheiden, die an Toten gefunden wurden. Burak Bulut Yıldırım verwendet diese kühle Terminologie für etwas Zartes: Fotografien, die sich im Raum zwischen Anwesenheit und Abwesenheit bewegen und Körper einfangen, die bereits zu verblassen scheinen.
Roland Barthes beschrieb das Wesen der Fotografie als “ça-a-été”-das, was gewesen ist. Jede Fotografie ist eine Aufzeichnung von etwas, das existierte, aber nun unwiderruflich vorbei ist. Antemortem intensiviert diese Qualität. Diese Bilder wirken wie Fotografien von Fotografien, Aufzeichnungen von Präsenzen, die bereits zu Gespenstern geworden sind. Die Serie knüpft an die Tradition des Memento mori an - jene Renaissance-Gemälde mit Totenköpfen und verwelkenden Blumen, die den Betrachter an die Sterblichkeit erinnern sollen -, aber ohne moralisierende Worte. Hier gibt es keine Predigt, sondern nur eine anhaltende Aufmerksamkeit für die Vergänglichkeit des Körpers.
Die Bildsprache bewegt sich zwischen den Registern: kontrastreiche Bilder, die an die viktorianische Trauerfotografie erinnern, und Arbeiten in tiefen Blautönen, gedämpften Rottönen und Spektraltönen, die an die Schwelle zwischen Schlaf und Wachen erinnern. Schleier und durchscheinende Materialien spielen in der Serie eine zentrale Rolle - Stoffe fungieren nicht als Kostüm, sondern als Membran zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Der Körper ist durch Schichten hindurch zu erahnen, teilweise ausgelöscht, nie ganz präsent.
Yıldırım arbeitet häufig in Grenzräumen: verlassene Gebäude, Räume, in denen sich antike Oberflächen matt spiegeln, Innenräume, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schweben scheinen. Durch lange Belichtungszeiten verschwimmt und vervielfältigt sich der Körper und es entstehen Bilder, in denen eine einzelne Figur über die Zeit hinweg zu fragmentieren scheint. Es handelt sich dabei nicht um nachträglich eingefügte Effekte, sondern um dauerhafte Aufnahmen - die Passage des Körpers wird als Spur aufgezeichnet.
Die Leichen in Antemortem sind nackt, aber die Nacktheit hat keine erotische Bedeutung. Ohne Kleidung wird die Figur elementar – näher an dem Zustand, in den sie zurückkehren wird. Der Akt ist hier der Körper in seinem verletzlichsten, sterblichsten Zustand: schmucklos, ungeschützt, bald nicht mehr vorhanden.
Antemortem ist seit über acht Jahren ein fortlaufendes Meditationsprojekt, für das Bilder an verschiedenen Orten in Deutschland, Italien und der Türkei nach und nach gesammelt wurden. Die Serie stellt eine langfristige künstlerische Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit dar – nicht als Konzept, sondern als visuelle Erfahrung. Ausgewählte Werke sind als limitierte Archivdrucke über Artsper, Saatchi Art und Artmajeur erhältlich.




























